Wanderung 1: (22.10.2017)

22 km von Regnitzlosaus bis Gefell

Die geneigten Leserinnen und Leser mögen diesen späten Erklärungsnachsatz verzeihen. Ich vergaß, Ihnen zu erklären, dass sich die Reisegruppe »Kinderheim Pauline« in zwei Gruppen aufgeteilt hat: Die zweifelsfrei größere Gruppe erwandert wie beschrieben die ehemalige deutsch-deutsche Grenze, während die zweite, deutlich kleinere Gruppe die Verpflegung und im weitestgehenden Sinne die Lagerverlegung verantwortet.

Gegen 8.00 Uhr weckten wir die Wanderer, die mehr oder weniger ausgeschlafen aus den Schlafsäcken und Betten krochen. Das Frühstück war vorbereitet und nachdem alle ihre Zelte aus- bzw. aufgeräumt hatten, trafen sich alle zum Mahl in der Jurte.Versehen mit Lunchpaketen und Getränken bestiegen sie gegen 9.30 Uhr die Busse und wurden zum »Einstieg« in den Grenzweg gebracht.

Faszinierend zu sehen war bzw. ist es, mit welcher Kraft und Schnelligkeit sich die Natur von den böswilligen Eingriffen der Menschen erholt hat. Man kann allenthalben lesen, welche seltenen Pflanzen und Tier sich in der doch stark räumlich begrenzten Landschaft des Grenzweges angesiedelt haben, doch eigenes Sehen und Beobachten lässt sich durch fremde Berichte, Fotos und auch Filme kaum ersetzen. Und dann nannte sich diese Grenze »Todesstreifen«?

Wie eine Perversion des Gedankens von Freiheit, Demokratie und Gleichheit zertrennte dieses 1.400 km lange Band die Natur und gleichzeitig trennte sie Menschen voneinander.

Die Pädagogen und Jugendlichen ließen sich durch diese, zugegebener Maßen traurige vergangene Begebenheiten nicht abschrecken und nahmen die ersten 21 km unter die wanderschuhbewerten Füße. Obwohl ihnen ein trutziger Wind ins Gesicht blies und zunehmende Kälte ihnen Gesicht und Hände klamm werden ließ, schritten sie trotzig und schnellen Schrittes voran.

Schnell waren die ersten zehn Kilometer erwandert und in einer kleinen Senke eines Kolonnenweges machten sie eine wohlverdiente Pause. Kurz danach hatten sie noch eine für Stadtkinder ungewöhnliche Begegnung – Schafe mit einem echten Hirten. Und um die Idylle komplett zu machen, hatte er zwei Hütehunde dabei. Die ganze Gruppe war begeistert und ehrlich; auch die Erwachsenen waren begeistert über diese Szene. Der Hirte erzählte, dass er sein Berufsleben lang als Schafbetreuer arbeiten würde und seit Jahren immer 43 km mit seinen Tieren auf der Suche nach entsprechenden Weidegründen durch das Dreiländereck Tschechien, Sachsen und Bayern streune.

In der Zwischenzeit hatten die Lagerbetreuer begonnen das Lager abzubauen. Nach drei Stunden war diese Arbeit getan, die sich durch das Einsortieren von Gepäck und Ausrüstung zu einer Art von Tetris entwickelte.

Nach relativ kurzer Fahrzeit erreichten wir unser neues Ziel – Gefell. Dort hatte uns die Gemeinde eine Sporthalle der Grundschule kostenfrei zur Verfügung gestellt. Schnell hatten wir das Gepäck in die Halle geschleppt und unter einem Pavillon das Kochequipment aufgebaut. Die Zeit drängte, denn die Wanderer hatten angerufen und behauptet, schnell da zu sein.

Also schnitten Michael und Jürgen in aller Eile das Gemüse und begannen mit der aufwendigen Zubereitung des Menüs. Hermann diskutierte mit zwei Mitarbeitern des Bauhofs, die auch für die Halle zuständig waren. Das Licht ließ sich nicht ausschalten und wir hatten den vielleicht unsinnigen Verdacht, dass es sich bei voller Beleuchtung nur schlecht schlafen lässt. Hermann behauptete später jedoch, der Erklärung der Mitarbeiter genau gefolgt zu sein und wir hofften, dass er das Licht später ausschalten konnte.

Währenddessen fuhren Florian und Nicolas los, um die Wanderer abzuholen, da die Halle weit außerhalb des Grenzweges lag. Müde und ermattet, stiegen die »Grenzgänger« aus dem Bus und nachdem sie ihre Ausrüstung sortiert hatten, gingen sie duschen.

Matthias berichtete später, dass sich die zweite Hälfte der heutigen Strecke doch sehr gedehnt hätte und dass das zunehmend schlechter werdende Wetter kaum die Befindlichkeit der Wanderer verbessert hätte. Allein die Aussicht, nicht nur heißes Wasser sondern auch die Annehmlichkeiten von einem großen beheizten Raum genießen zu können, ließ die Laune nicht gleich dem Wetter Richtung »Nullpunkt« sinken. Aber sie hatten sich bis zum Schluss gegen das schlechte Wetter gestemmt und so 22 km erwandert.

Schnell hatten die müden »Kriegerinnen und Krieger« das Essen eingenommen und saßen danach in fröhlicher Runde in der Halle. Der große Resonanzkörper der Sporthalle zwang uns des Öfteren, regulierend einzugreifen und die Kinder und Jugendlichen zur angemessenen Lautstärke anzuhalten.

Nach und nach versiegten die Gespräche und Worte wichen Atemgeräuschen. Obwohl manche Schläferinnen und Schläfer diese Harmonie durch rasselförmiges Atmen zu stören versuchten, wurden auch die unfreiwilligen Zuhörer bald vom Schlaf übermannt.    

Hier geht es zum nächsten Tag: Wanderung 2: (23. 10. 2017)

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