Kurt-Hahn-Pokal
Unter der Trägerschaft des BVkE und in Kooperation mit dem Jugendhilfezentrum Raphaleshaus Dormagen und der Marienpflege in Ellwangen organisiert das Kinderheim Pauline von Mallinckrodt seit 2009 den Kurt-Hahn-Pokal.
Lesen Sie hier was das für uns bedeutet!
Aus dem NC Themenheft Partizipation:
Wir trauen
Euch etwas zu!
Erlebnispädagogik als Methode in der Erziehungshilfe
Es war eine kalte Nacht. Erst allmählich steigt die Sonne über die
Hügelkette und erwärmt den Lagerplatz. Auf der immer noch morgenfeuchten Wiese
stehen 40 Kinder und Jugendliche mit ihren Fahrrädern in erwartungsvoller
Spannung. Jeweils vier Teilnehmer/innen des Kurt-Hahn-Pokals scharen sich um
ihre/n Pädagogen bzw. Pädagogin, um gemeinsam das Radrennen zu bestreiten.
Keine 60 Sekunden nach dem Startschuss ist der Platz menschenleer.
Insgesamt 120 Mädchen und Jungen aus Jugendhilfeeinrichtungen aus dem ganzen
Bundesgebiet kämpfen sich vier Tage durch Hessens Hinterland, um am Ende nach
vielen Strapazen den Kurt-Hahn-Pokal in den Händen halten zu können.
Nacheinander müssen die Teams innerhalb von vier Tagen eine bis zu 120 km lange
Radtour bewältigen, eine 40 km lange Paddeltour auf der Lahn hinter sich
bringen und weit über 20 km durch die Wälder wandern, und dabei an
verschiedenen Kontrollpunkten noch zusätzliche Aufgaben bewältigen. Den
krönenden Abschluss bildet eine klassische Triathlonveranstaltung, die im
örtlichen Schwimmbad mit einem Massenstart beginnt und nach einer Lauf- und
einer Radstrecke am Zeltplatz endet.
Der Kurt-Hahn-Pokal wurde 2009 erstmals anlässlich des 100jährigen Bestehens
des Bundesverbandes kath. Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfe (BVkE
e.V.) in Limburg veranstaltet. Alle Organisatoren der Veranstaltung verfügten
bereits über langjährige praktische Erfahrungen in der erlebnispädagogischen
Arbeit mit Jugendlichen und schon seit 15 Jahren haben sie in kleinerem Rahmen
mit großem pädagogischem Erfolg ähnliche Wettkampfveranstaltungen
organisiert.
Beim Radrennen haben sich die einzelnen Teams inzwischen auseinander
gezogen. Die schnellsten Radteams, die über Erfahrungen mit Radtouren verfügen,
haben schon fast die 60-km-Marke erreicht, an der sie entscheiden können,
ob sie eine kurze Strecke von 80 km oder aber die lange Distanz von 120 km
schaffen wollen. Unerfahrene Teams fallen zurück und versuchen den Abstand nicht
zu groß werden zu lassen. Nach zwei Pannen wird die rote Laterne von einem
Düsseldorfer Team bei km 25 getragen. Die Sonne brennt unbarmherzig vom blauen
Himmel und bei knapp 30 C, kämpft ausgerechnet der Pädagoge, der das Team
begleitet, mit einem Wadenkrampf.
Erlebnispädagogik ist keine neue, aber immer noch eine sehr innovative
pädagogische Methode, die in vielen Angeboten und Einrichtungen der
Erziehungshilfe erfolgreich genutzt wird. Welche Idee hinter dieser Methode
steht, die ihren Ursprung bereits im ersten Drittel des vergangenen
Jahrhunderts hat und bis heute von vielen Einrichtungen mit viel Begeisterung
und Engagement praktiziert wird, lohnt sich, genauer zu untersuchen.
Kurt Hahn (1886-1974) wird üblicherweise als Urvater der Erlebnispädagogik
bezeichnet. Er war von 1914 -1919 im Auswärtigen Amt in Berlin tätig und ein
enger Vertrauter und wichtiger Berater des damaligen Reichkanzlers Prinz Max
von Baden. Als Außenpolitiker vertrat er die Ansicht, dass das preußische
Staatswesen an verschiedenen „Verfallserscheinungen“ litt. Seiner Meinung nach
überschätzten die Menschen in Deutschland was ihnen die Gemeinschaft schulde
und unterschätzten, was sie der Gemeinschaft schulden. Besonders die fehlende
Vorbildwirkung des Bürgertums und der politischen Führung missfiel ihm. Ein
Urteil über die Aktualität dieser Kritik überlassen wir den Lesern!
Kurt Hahn beließ es nicht bei Worten. 1920 gründete er das Internat Schloss
Salem und versuchte als Lehrer seine Idee, Bildung und Erziehung miteinander zu
vereinen, zu verwirklichen.
Das Radrennen entwickelt sich allmählich zur Tortur. Das führende Team ist
inzwischen bei km 80, hat damit die Ebene verlassen und kämpft sich durch die
hügelige Landschaft Hessens. Die vier Jungs und ihre Pädagogin wollen das Rennen
unbedingt gewinnen. Aber der Jüngste im Team ist am Ende seiner Kräfte und auch
die Pädagogin kann das Tempo nicht mehr mithalten. Jetzt übernimmt der älteste
Jugendliche die Initiative und nimmt beide nah zu sich in den Windschatten.
Alle anderen Teammitglieder gruppiert er um die zwei tapferen Radler herum,
damit sie es im Schatten leichter haben. So kämpft sich das kleine Peloton
durch die Mittagshitze, immer noch fest entschlossen, Sieger zu werden.
Das Düsseldorfer Team am Ende des Feldes hat zu diesem Zeitpunkt die
40-km-Marke passiert, und der begleitende Pädagoge sieht den noch vor ihm
liegenden 40 km mit Schrecken entgegen.
1933 emigrierte Kurt Hahn nach einer vorübergehenden Verhaftung durch die
Nationalsozialisten nach England. Überzeugt von seiner Idee, mit deren
Umsetzung er in Schloss Salem begonnen hatte, ließ er sich in Schottland
nieder. Dort gründete er 1934 in Gordonstoun mit der „British Salem Shool“ ein
englisches Pendant zu Schloss Salem.
Kurt Hahn war ein „Macher“. Er hinterließ wenig Schriftliches, stattdessen
probierte er vieles aus. Mit seinem erlebnispädagogischen Konzept wollte er den
folgenden „Verfallserscheinungen“ entgegenwirken, die er als das eigentliche
Problem der damaligen Zeit diagnostizierte:
- Mangel an menschlicher Anteilnahme,
- Verfall körperlicher Tauglichkeit,
- Mangel an Initiative und Spontaneität,
- Mangel an Sorgsamkeit.
Auch wenn Kurt Hahns Begrifflichkeiten in unseren Ohren seltsam altertümlich
klingen, so lenken sie den Blick prägnant auf wesentliche kognitive, emotionale
und körperliche Kompetenzen, deren Entwicklung und Förderung heute zentraler
Bestandteil der Hilfen zur Erziehung sind.
Kurt Hahn entwickelte ein mehrwöchiges Kursprogramm, welches folgende vier
Elemente umfasste:
- Das körperliche Training durch Natursportarten wie Kanufahren, Bergwandern oder Segeln;
- den Dienst an dem Nächsten;
- ein Projekt, das die Kinder und Jugendlichen selbstständig durchführen sollen;
- eine Expedition, bei der die Jugendlichen sich über mehrere Tage selbstverantwortlich in der Natur bewegen sollen.
Bis zu seinem Tod 1974 in Salem begründete Kurt Hahn noch viele Initiativen.
Eine davon, das Konzept „Outward Bound“, eine vierwöchige Kurzschule, in der
Kinder aus sozial völlig unterschiedlichen Schichten miteinander und
voneinander lernen, ist weltweit an verschiedenen Standorten etabliert.
Das Düsseldorfer Team flucht bei km 58. Schon wieder ist ein Reifen platt!
Mit der zwischenzeitlich vorhandenen Übung ist das Problem schnell behoben.
Wie selbstverständlich möchte der mitfahrende Pädagoge bei km 60 die Abzweigung
zur kürzeren Streckenalternative zum Ziel wählen. Zu seiner Überraschung
widerspricht das Team. Die Jungen wollen sich nicht die Blöße geben, nach nur
80 km als Letzte am Lagerplatz einzurollen. Der Hinweis des Pädagogen, dass das
Ziel unmöglich vor Mitternacht erreicht werden kann, kann sie nicht umstimmen.
Plötzlich hat das Team einen ungeahnten Kampfgeist entwickelt und möchte auf
jeden Fall die große Strecke fahren. Nicht sehr begeistert erklärt sich der
Pädagoge einverstanden. Während er sich den nächsten Aufstieg empor quält,
sucht er noch nach einer Erklärung für die neue Willenstärke der Gruppe.
Derweil hat auch das führende Team Pech. Bei einem sehr steilen Anstieg reißt
eine Kette. Nun heißt es, möglichst schnell das Werkzeug aus dem Rucksack holen
und die gebrochenen Kettenglieder zusammenfügen. Am vor Hitze schwirrenden
Horizont erscheint das nächste Team. Die Jugendlichen toben. Ein mit viel Mühe
und Fleiß herausgefahrener Vorsprung droht sich aufzulösen und es sind noch 30
km zu fahren.
In den letzten Jahrzehnten wurde die Erlebnispädagogik neu entdeckt, vielfältig
und facettenreich, praktisch und wissenschaftlich weiterentwickelt. Der BVkE
e.V engagiert sich als Fachverband seit vielen Jahren, diese Methode gemeinsam
mit seinen Mitgliedern zu qualifizieren. Als Methode ist Erlebnispädagogik kein
geschützter Begriff. Die Qualifizierungsangebote reichen von Wochenendangeboten
bis zu mehrjährigen anspruchsvollen Weiterbildungen . Ausgestaltung von
Erlebnispädagogik in der Praxis gestaltet sich extrem bunt.
Dennoch lassen sich bestimmte Merkmale definieren, die diese Methode ausmachen
und einzigartig erscheinen lassen.
- Der Erlebnischarakter:
Kinder und Jugendliche lernen am intensivsten, wenn das Umfeld ungewöhnlich und vielfältig ist. Ausnahmesituationen erfordern die Aufmerksamkeit aller Sinne.
- Die Gruppenorientierung:
Die Jugendlichen erleben am eigenen Leib, dass schwierige Situationen in der Natur im Miteinander oft leicht gelöst werden können, was für eine einzelne Person unmöglich wäre.
- Der Ernstcharakter:
Der Erwachsene kann viele Male darauf hinweisen, dass es notwendig ist, den Schlafsack bei der Wanderung wasserdicht zu verpacken. Er wird damit zumeist auf taube Ohren stoßen. Wenn der Jugendliche die erste Nacht in einem nassen Schlafsack geschlafen hat, wird er zukünftig sorgfältiger sein.
- Die Ganzheitlichkeit:
Bei erlebnispädagogischen Unternehmungen sind nicht nur der Kopf, sondern auch die Hand und das Herz gefordert. Bei einer Bergtour nützt Kondition nur, wenn auch die Karte richtig gelesen wird und die Gefahren richtig eingeschätzt werden.
- Die Freiwilligkeit:
Gerade weil erlebnispädagogische Maßnahmen häufig auch eine intensive Grenzerfahrung darstellen, ist die Freiwilligkeit ein unbedingtes „Muss“. Auch bei vorgegebenen Zielen sind grundsätzlich Entscheidungsspielräume zu gestalten. Die Jugendlichen entscheiden selber, ob sie 80 km oder aber die vollen 120 km fahren wollen. Ist einmal die Entscheidung getroffen, so müssen die Jugendlichen die Konsequenzen bewältigen. Somit ist die die Grundhaltung der Partizipation in der Erlebnispädagogik eine unbedingte Voraussetzung. Es wird ein Setting konstruiert, in dem die Beteiligten ernst genommen werden. In der Jugendhilfe fällt auf, dass Jugendliche dies häufig erstmalig in ihrem Leben erfahren.
Bei den Düsseldorfer Radlern schwindet langsam die Kraft. Nun sind sie in
dem hügeligen Gelände und kämpfen sich tapfer Hügel um Hügel empor. Sie wissen
sehr wohl, dass sie ins Dunkle radeln werden, aber sie haben sich für die
Strecke entschieden und das gemeinsame Wissen, dass sie den Mut hatten, diese
Entscheidung zu treffen, lässt alle entschlossen weiterkurbeln.
Währenddessen nähert sich das erste Team der Ziellinie. Der Kettenriss führte
dazu, dass sie von einer nachfolgenden Gruppe überholt wurden. Aber die Wut im
Bauch über dieses technische Missgeschick gab ihnen so viel Kraft, dass sie
nach nur wenigen Kilometern das Team wieder überholten. Die 120 km sind
geschafft! Sehr müde, ausgetrocknet und hungrig rollen sie die letzten Meter
ins Lager ein.
Für die Pädagogin war es ein neues Erleben. Normalerweise gibt sie den
Jugendlichen vor, was zu tun ist und hilft ihnen bei Hausaufgaben und der
Bewältigung des Alltags. Heute war alles anders. Sie war müde, fast verzweifelt
und sehr froh darum, dass ihre Jungs sie in den Windschatten genommen haben.
Mit dem befriedigenden Gefühl, die 120 km gemeinsam als Sieger bewältigt zu
haben, rollen die fünf unter dem Jubel der Zuschauer über die Ziellinie.
Verschiedene Studien zur Wirkung von erzieherischen Hilfen haben bestätigt,
dass Erfolge daran gekoppelt sind, ob den Kindern und Jugendlichen etwas
zugetraut wird und ob sie sich selbst etwas zutrauen. Viele Kinder und
Jugendliche, die eine Hilfe zur Erziehung in Anspruch nehmen, verfügen vor
allem über reichhaltige Erfahrung des Scheiterns und des Versagens. Eine 80 -
120 km lange Radtour durchzuhalten erfordert wahrlich ganzen Einsatz, bleibt
aber trotz allem eine überschaubare Anforderung. Eine Wettkampfsituation bietet
dabei hohen Motivationscharakter, vorausgesetzt, die Beteiligten wissen, dass
sie eine Chance haben, mithalten zu können. Der Jubel und die Anerkennung ihrer
Leistung bei der Zieleinfahrt ist für viele der Jugendlichen eine absolut neue
Erfahrung. Eine Kunst bleibt es, Anforderungen, Settings und Atmosphäre bei
erlebnispädagogischen Projekten so zu gestalten, dass Jugendliche ihre
Selbstwirksamkeit und ihr Potential erfahren und erleben können.
Realistische Herausforderungen bieten Kindern und Jugendlichen ein großes
Entwicklungspotential für unterschiedlichste Kompetenzen fern von der Schulbank
und Lehrplänen. Sieg und Niederlage gehören dabei als grundlegende Erfahrungen
zusammen. Denn Herausforderungen beziehen ihren Reiz auch immer durch ein
gewisses Risiko, sie nicht zu bewältigen –andernfalls wäre es langweilig.
Inzwischen ist die Dunkelheit hereingebrochen. Es ist schon kurz nach 23
Uhr. Hinter dem Düsseldorfer Team leuchten seit fast zwei Stunden die
Warnblinker eines Begleitfahrzeuges. Eine zusätzliche Verpflegungsration hat
die Kraftreserven noch einmal mobilisiert. Die Aussicht, das Ziel bald zu
erreichen, tut das Übrige dazu.
Auf dem Lagerplatz findet gerade der gemeinsame Tagesabschluss am Lagerfeuer
statt. Die meisten freuen sich auf den wohlverdienten Schlaf. Alle wissen, dass
ein Team noch unterwegs ist und dass das Team trotz der Schlusslichtposition
die 120 km Variante gewählt hat.
Als die Fahrradlichter sichtbar werden, herrscht großer Andrang an der
Ziellinie. Das Team wird mit gebührendem Applaus und großem Respekt von allen
Jugendlichen und Erwachsenen in Empfang genommen!
Der Pädagoge kann es immer noch kaum glauben, was seine Jungs an diesem Tag
geleistet haben und ist voller Stolz auf sie. Ein neues Gefühl für ihn und die
Jungs, die es in vollen Zügen genießen und sich irgendwie trotz allem auch als
Sieger fühlen!
Almud Brünner
Referentin BVkE
Daniel Mastalerz
Stellvertretender Einrichtungsleiter
Jugendhilfezentrum Raphaelshaus in Dormagen
