Grußworte eines Ehemaligen beim Festakt
Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Festgäste,
auch von unserer Seite einen herzlichen Gruß an Sie und ein Dankeschön an alle, die für das Gelingen dieses Festaktes heute und des Festtages morgen die letzten Wochen hart gearbeitet haben und heute & morgen arbeiten werden.
Meine Name ist Bernd B, bin 35 Jahre jung und war von 1978–1982 im Alter von 11–14 Jahren hier im Kinderheim.
Liebe Festgäste, was legitimiert mich, ein Grußwort im Namen der Ehemaligen zu sprechen?Weder bin ich gewählter Vertreter einer Vereinigung ehemaliger Heimkinder, noch kennen mich die wenigsten der Ehemaligen der letzten 100 Jahre. Was einen Ehemaligen zum Vertreter der Ehemaligen macht, ist die Tatsache, dass er über seine Kindheit und seine Erfahrungen im Heim mit anderen, seinen Kindern, seinen Freunden und Nachbarn spricht. Natürlich steht hinter jedem Heimkind ein eigene Geschichte, ein eigenes Schicksal. Dennoch ähneln sich die meisten Geschichten hinsichtlich der Ängste und der Erfahrung elterlicher Vernachlässigung und Gewalt. Und Sie ähneln sich, da sie alle miteinander an diesem Ort in den letzten 100 Jahren zusammengeführt wurden – dem Kinderheim Pauline von Mallinckrodt. Wenn ich also meine Geschichte erzähle, erzähle ich so auch immer die Geschichte anderer Heimkinder.
Für Sie interessant ist vielleicht, was eine Unterbringung im Heim für mich bedeutete und ob ich damals gerne im Heim war?
Damals Juni 1978 bedeutete eine Unterbringung im Heim für mich das Ende
von körperlicher und seelischer Gewalt, die ständig von meinem
betrunkenen Vater ausging, das Ende einer Odyssee durch drei
Pflegefamilien, das Ende von Schule schwänzen, unsauberer Kleidung, und
immer wieder Angst, Vernachlässigung und Gewalt.
Das Heim bedeutete Versorgung, Liebe, Nähe, Geborgenheit, regelmäßig zu
Schule zu gehen, drei Mahlzeiten am Tag, Hausaufgabenkontrolle, (in
diesem Zusammenhang, ein Dank an Sr. Hildegardis ohne die ich überhaupt
kein Latein gelernt hätte), Taschengeld, saubere Kleidung und zum
erstem Mal Freunde und Spielkameraden, vor denen man sich nicht
verstellen musste. Es bedeutet ein kleines bisschen Glück, dass jedes
Kind auf dieser Welt verdient.
Es bedeutete jedoch auch, weg von zu Hause, weg von meinem Vater zu
sein. Auch wenn er mich ständig geschlagen hat, habe ich ihn natürlich
geliebt, wie jeder Sohn seinen Vater liebt. Ich wollte gleichzeitig bei
ihm und weg von ihm sein. Innere Wiedersprüche, die ich lange in meinem
kleinem und jungen Herzen getragen habe. Und es bedeutete, bedauernde
und später sehr kritische Blicke von Mitmenschen außerhalb des
Kinderheims, es bedeutete, einen unsichtbaren Stempel zu tragen, nicht
„normal“, sondern ein „Heimkind“ zu sein. 1982, mit der zweiten Ehe
meines Vaters, ein Wechsel vom Heim in mein neues „zu Hause“ nach
Norddeutschland, eine neue Chance auf ein „normales“ Leben, einen Bruch
mit meiner Vergangenheit. Die Realität holte mich jedoch bald wieder
ein, denn Gewalt und Alkohol kehrten in mein Leben zurück und erst mit
meiner Volljährigkeit 1985 verschaffte ich mir meine „Normalität“. Ich
musste jedoch erst 21 Jahre alt werden, bevor ich realisierte, dass die
4 Jahre im Kinderheim, die wunderbarsten meiner ganzen Kindheit waren
und dass ich mich wegen der Alkoholsucht und Gewalttätigkeit meines
Vaters vor anderen nicht zu schämen brauche.
Heute blicke ich mit sehr guten Gefühlen an meine Kindheit, meine
Heimzeit, zurück und das Wort „Heim“, welches früher mich immer den
Charakter von „Unterbringung“ und „Verwahrung“ gehabt, bekommt eine
neue Bedeutung, eine die ihm viel gerechter wird. „Heim“ bedeutet
„Heimat“.
Fast am Ende meiner Grußworte möchte hier noch ein paar Worte über die
ewige Diskussion der finanziellen Belastung des Staates und der
Gesellschaft durch Heimkinder sagen. Stellen Heimkinder eine finanzielle Belastungen für Staat und Gesellschaft dar?
Ich halte es für ganz wichtig, sich darüber im klaren zu sein, dass
jedes Kind, auch Heimkinder, das Ergebnis der Beziehung ihrer Eltern zu
einander und im Kontext der aktuellen gesellschaftlichen Normen und
Wertevorstellungen sind. Das Kinder ins Heim müssen ist sehr oft auf
das Unvermögen ihrer Eltern und, dass wird sehr oft ignoriert, auf das
Versagen der Gesellschaft zurück zu führen. Ich bin einer der vielen,
die es geschafft haben sich von einem Kind aus einer sozial auffälligen
und suchtbetroffen Familie zu einem wertvollen Mitglied unserer
Gesellschaft zu entwickeln und die Zeit im Heim hat maßgeblich den
Grundstein dieser Entwicklung gelegt. Heute mit einer Ausbildung als
Diplom-Ingenieur der Elektrotechnik leiste ich einen nicht
unerheblichen finanziellen Beitrag zu Sozial- und Rentenversicherung,
und nehme als Wähler und Bürger dieses Landes meine Bürgerechte und
-pflichten und meine sozialen Pflichten war. Und ich bin bei weitem
kein Einzelfall.
Im Zuge der Organisation dieses Jubiläums wurde der Kontakt zu ca. 300 Ehemaligen wieder aktiviert. Viele von uns haben es geschafft, gute Position in der Wirtschaft zu bekleiden und nicht als ewiger Sozialfall, womöglich obdachlos, auf der Strasse zu landen. Eine Bitte an diejenigen, die die Vergabe von Geldern für Heime und deren Kinder mitgestalten können. Betrachten Sie notwendigen Ausgaben doch mal nicht als Kosten, betrachten Sie die Ausgaben doch mal als Investition. Investitionen in die Zukunft diese Staates. Die allermeisten Heimkinder werden später ihren positiven Beitrag für diesen Staat leisten.
Was bleibt mir zum Schluss zu sagen?
Es gilt mein Dank den Schwestern und Heimleitungen der vergangenen 100
Jahre, den Erziehern, Erzieherinnen und Praktikantinnen. Er gilt Ihnen,
meine Damen und Herren, die in den politischen und gesellschaftlichen
Gremien für das Kinderheim entscheiden, kämpfen und es gegenüber der
Gesellschaft zu verantworten haben. Es ist ein Dank, den Sie aus meinem
Munde hören, der aber aus hunderten Herzen gesprochen wird.
Ich
wünsche uns allen ein ereignisreiche und spannende Festtage. Nutzen Sie
alle die Gelegenheit, sich in Gesprächen mit Kindern, Ehemaligen,
Schwestern und Erziehern einen persönlichen Eindruck vom Heimleben zu
machen und lassen Sie sich von dem kleinen bisschen Glück begeistern,
dass viele von uns Ehemaligen hier gefunden haben.
Vielen Dank!
27. Juni 2003
Bernd B.
